Der alte Koffer
- Ursula Heldstab
- vor 6 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Liebe Leserin, lieber Leser
Die Ferien neigen sich langsam dem Ende zu und der Alltag hält wieder Einzug. Vielleicht stehen auch bei dir noch ein paar Dinge herum, die ihren Platz wiederfinden möchten. Der Koffer ist noch nicht ganz ausgepackt, Erinnerungen begleiten dich noch, doch langsam richtest du deinen Blick wieder auf das, was vor dir liegt.
Manchmal schenken uns gerade diese kleinen Momente etwas ganz Besonderes. Nicht, weil wir danach suchen. Sondern weil wir plötzlich etwas wiederentdecken, das wir längst vergessen glaubten.
Ich lade dich ein, dir einen Moment Zeit zu schenken und die folgende Geschichte auf dich wirken zu lassen.
Der alte Koffer
Nach den Sommerferien war endlich die Zeit gekommen, den Dachboden aufzuräumen.
Schon lange hatte sie sich vorgenommen, dort oben wieder Ordnung zu schaffen. Über die Jahre hatte sich vieles angesammelt: Kartons, alte Spielsachen, vergessene Schachteln und Erinnerungsstücke, an die sie sich kaum noch erinnerte.
Langsam arbeitete sie sich von einer Ecke zur nächsten. Manche Dinge wanderten ohne langes Überlegen in die Entsorgung. Bei anderen blieb sie einen Moment stehen. Ein altes Foto, eine Muschel aus den Ferien, eine Zeichnung aus Kindertagen. Manche Erinnerungen zauberten ihr ein Lächeln ins Gesicht, andere berührten sie noch immer.
Ganz hinten, beinahe versteckt unter einer alten Decke, entdeckte sie schliesslich einen verstaubten Koffer. Sie blieb stehen. „Den gibt es ja auch noch“, murmelte sie leise. Es war der Koffer ihrer Grossmutter. Viele Jahre hatte er sie auf Reisen begleitet. Im letzten Sommer hatte sie ihn auf den Dachboden gestellt. Eigentlich wollte sie sich damals schon von ihm trennen. Doch irgendwie war es nie dazu gekommen. Heute schien der richtige Moment zu sein.
Behutsam wischte sie den Staub vom Deckel, atmete kurz durch und öffnete ihn. Sie wollte nur noch einmal nachsehen, ob sich darin überhaupt noch etwas befand. Zwischen einer alten Landkarte, einem Schal und einigen vergessenen Erinnerungsstücken lag ein kleines Buch. Sie runzelte die Stirn. Verwundert nahm sie es in die Hand.
Ihr Tagebuch.
Sie hatte völlig vergessen, dass sie es im letzten Sommer dort hineingelegt hatte. Neugierig setzte sie sich auf den alten Holzboden des Dachbodens und begann zu lesen. Auf den ersten Seiten begegneten ihr Zweifel, Unsicherheiten und viele Fragen.
„Werde ich den Mut finden, meinen Weg zu gehen?“
„Wann hört dieses ständige Gedankenkarussell endlich auf?“
„Ich wünsche mir mehr Leichtigkeit.“
„Wie werde ich das nur schaffen?“
Sie blätterte weiter. Mit jeder Seite erinnerte sie sich mehr an die Frau, die sie damals gewesen war.
Sie lächelte. Nicht, weil damals alles leicht gewesen war, sondern weil sie erkannte, wie viel sich seitdem verändert hatte. Sie dachte an all die kleinen Entscheidungen. An mutige Schritte. An Begegnungen. An Momente des Zweifelns. An Augenblicke des Vertrauens. Und an die stillen Zeiten des Innehaltens. Nicht jeder Tag war einfach gewesen. Nicht jeder Weg war gerade. Und doch war sie Schritt für Schritt weitergegangen.
Plötzlich fiel ihr ein, dass sie vor einem Jahr ein neues Tagebuch begonnen hatte. Neugierig stand sie auf, ging hinunter und holte es aus der Schublade ihres Schreibtisches. Wenige Augenblicke später sass sie wieder auf dem Dachboden. Nun lagen beide Bücher nebeneinander. Fast unbewusst schlug sie das neue Tagebuch auf. Die Handschrift war dieselbe. Doch die Worte waren anders.
Ruhiger.
Klarer.
Vertrauensvoller.
Reflektierter.
Bewusster.
Sie las einige Zeilen. Dann blickte sie wieder auf das alte Tagebuch. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass nicht das Tagebuch sich verändert hatte. Sie selbst hatte sich verändert. Sie schloss beide Bücher. Nicht, weil ihre Reise zu Ende war, sondern weil sie erkannte, wie weit sie bereits gekommen war. Behutsam legte sie das alte Tagebuch zurück in den Koffer. Dankbar strich sie noch einmal mit der Hand über dessen Deckel, stellte ihn zurück an seinen Platz und ging lächelnd die Treppe hinunter.

Reflexion
Im Alltag richten wir unseren Blick meist nach vorne. Auf das, was noch erledigt werden muss. Auf das nächste Ziel. Auf die nächste Herausforderung. Dabei vergessen wir manchmal, wie weit wir bereits gekommen sind.
Auch ich kenne diese Momente.
Manchmal scheint es, als wäre ich noch nicht dort angekommen, wo ich gerne wäre. Doch wenn ich bewusst zurückblicke, erkenne ich, wie viel sich bereits verändert hat.
Nicht durch einen einzigen grossen Schritt.
Sondern durch viele kleine Entscheidungen.
Durch Momente des Zweifelns.
Durch den Mut, trotzdem weiterzugehen.
Durch das Vertrauen, den eigenen Weg immer wieder neu wählen zu können.
Oft bemerken wir unsere Entwicklung nicht, weil wir sie jeden Tag leben. Erst wenn wir innehalten und zurückschauen, erkennen wir, was in dieser Zeit alles wachsen durfte.
Wir sind oft so sehr mit dem nächsten Schritt beschäftigt, dass wir vergessen, den bereits zurückgelegten Weg zu würdigen.
Vielleicht braucht es gar keinen alten Koffer oder ein Tagebuch, um zurückzublicken.
Manchmal genügt ein Foto, ein vertrauter Ort, ein Gespräch oder einfach ein bewusster Moment der Stille. Ein Augenblick, in dem wir uns selbst ehrlich fragen:
Wo stand ich vor einem Jahr – und wo stehe ich heute?
Es geht nicht darum, in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Sondern um mit Dankbarkeit zu erkennen, wie weit uns unser Weg bereits geführt hat. Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Monats: Schenke dir einen Moment des Rückblicks.Nicht, um zu bewerten. Sondern um wahrzunehmen. Erkenne, wer du heute bist und wer du noch vor einem Jahr warst. Denn manchmal sehen wir erst, wie sehr wir uns verändert haben, wenn wir unserem früheren Ich noch einmal begegnen.Vielleicht lächelst du dabei – so wie die Frau mit dem alten Koffer – und denkst:
„Ich bin weitergekommen, als ich gedacht habe.“
Einladung
Vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um deine eigene Reise bewusst weiterzugehen, dranzubleiben und wieder mehr bei dir selbst anzukommen.
Manchmal hilft uns eine Begleitung dabei, klarer zu sehen, was wir selbst längst in uns tragen.
Wenn du dir dafür einen geschützten Raum wünschst, begleite ich dich gerne.
Die Reise zu dir
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Gemeinsam finden wir heraus, ob dieser Weg zu dir passt.
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